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Positionspapier

Präventive berufliche (Weiter)Bildungspolitik: Als Gesellschaft proaktiv sein, statt Entwicklungen hinterherzuhecheln!

Die Zeit ist endgültig vorbei, in der eine Ausbildung zu Beginn der Berufstätigkeit ausreichend für ein erfolgreiches ganzes Berufsleben war. Denn Transformation und Geschwindigkeit prägen unsere Arbeitswelten. Und dabei wird sich die Welt nie wieder so langsam verändern wie heute!

Wir werden älter und arbeiten länger. Technologie und globale Arbeitsteilung machen über lange Zeit etablierte Jobs überflüssig - andere, veränderte Jobs entstehen völlig neu.

Die Sicherheit, einen guten Job zu haben, wird also immer stärker vom Verhalten jedes Einzelnen bestimmt: Welche Vorkehrungen im Sinne von laufender Aus- und Weiterbildung setzt er? Wie schärft er seine Skills konsequent und entwickelt sie weiter? Und wie unterstützt ihn die Allgemeinheit dabei?

All das sind gute Gründe, dass wir unser Weiterbildungssystem umbauen und weiterentwickeln.

Die inhaltlichen Anforderungen liegen durchwegs klar auf dem Tisch: Es geht für praktische alle Berufsgruppen darum, ihre IT-Grundkompetenzen und das Handling von Daten zu verbessern. Für viele wird zudem immer wichtiger, Coding als neue „Fremd“Sprache zu lernen. Es geht aber nicht nur um IT und Systeme, es geht auch um zutiefst menschliche Fähigkeiten: Ein Mindset, sich auf die neuen Welten einzulassen, sich angesichts der vielen Changes resilient zu verhalten und Veränderung als Normalität positiv zu leben.
Es geht aber auch um ein besseres Prozessverständnis und um die Kommunikationskompetenz, mit Kunden, Lieferanten und Partnern richtig umzugehen.  

Berufliche Fach- und Kernkompetenzen verlieren also nicht an Bedeutung, sie sind vielmehr die Grundlagen für Veränderungs- und Anpassungsfähigkeiten.

Die Angebote dazu gibt es. Es sind die Systeme, die uns Schwierigkeiten machen und wo wir als Gesellschaft dringenden Handlungsbedarf haben.

Schulische und andere Erstausbildungen sind bei aller Kritik bemüht, die Durchgängigkeit von Ausbildungswegen und Anschlussangebote an erworbene Zeugnisse sicherzustellen. Dies erfolgt weitestgehend kostenlos und unabhängig von aktuellen Konjunkturen und Moden. Die Kosten trägt die Allgemeinheit und Verantwortlichkeiten sind einigermaßen konsistent. Und das alles völlig zurecht!

Anders in der beruflichen Weiterbildung: Hier haben wir ein Problem!

Die Zuständigkeiten sind zwischen Ländern, verschiedenen Bundesministerien und ausgelagerten Agenturen oder Fonds zersplittert. Es gibt eine hochgradige Differenzierung je nach Wohnort, Zielgruppe und Lebenslage.

Ich möchte das am verwirrenden Beispiel der Deutschkurse festmachen, die in einem auf Migration angewiesenen Arbeitsmarkt essentiell sind: Bundesländer setzen Angebote für Asylwerbende, das Arbeitsmarktservice wiederum ermöglicht Arbeitssuchenden Schulungen. Der Österreichische Integrationsfonds beauftragt Schulungsträger mit Kursen für Asylberechtigte und bestimmte Asylwerber, vergibt aber gleichzeitig auch Individualförderungen. Erwachsenenbildungseinrichtungen bieten wiederum frei zugängliche Deutschkurse, für die die Teilnehmer selbst bezahlen und gleichzeitig individuelle Förderungen der Länder und der Arbeiterkammer beanspruchen können.

Der größte Auftraggeber öffentlich finanzierter Weiterbildung ist das AMS, das dies unter den gegebenen Rahmenbedingungen auch gut wahrnimmt. Problematisch ist aber, dass damit die Finanzierung und Steuerung primär an Arbeitsmarkt-entwicklungen gekoppelt sind. Sinkende Arbeitslosenzahlen bedeuten also sinkende Förderbudgets.
Und genau diese Anfälligkeit für eine Stop-and-Go-Politik verhindert ein so wichtiges kontinuierliches, an langfristigen Trends orientiertes und für den Einzelnen planbares Angebot.

Zudem wird damit zwangsläufig ignoriert, dass Weiterbildung unter den Prämissen „Transformation“ und „Geschwindigkeit“ in der Regel von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht „so nebenbei“ erledigt werden. Denn sie müssen Schulungskosen und ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Vielfach passiert heute nur eines von beiden: Bei Fachkräftestipendien oder Bildungskarenz muss er Einzelne die Kurse selbst zahlen, soweit er keine Schule oder Universität besucht. Wenn Länder Weiterbildung fördern, stellt sich somit für den Einzelnen die grundvitale Frage: Wovon währenddessen leben? Zynisch könnte man sagen: Es ist schon „ein Glück“, wenn man arbeitslos und unvermittelbar ist, denn dann zahlt das AMS vielleicht Kurs und Lebensunterhalt.
 

Was brauchen wir in Österreich dringend, um als Gesellschaft zukunftsfit zu sein und zu bleiben?

Erstens ist es grundlegend wichtig, dass sich die Allgemeinheit nicht vor ihrer Verantwortung drückt! Viele Menschen sind in festen Dienstverhältnissen und wissen nicht, wie sie auf die Veränderungen reagieren können, sollen, ja eigentlich müssen. Und Unternehmen sind – verständlicherweise – oftmals nicht gut dafür aufgestellt, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für neue Technologien, neue Jobs, womöglich in anderen Betrieben, also letztlich für den Standort weiterzubilden. Betroffene Arbeitnehmer suchen dann – auch politisch – scheinbar einfache Lösungen.

Wenn wir überzeugt sind, dass eine ständige Transformation spezielle berufliche Skills erfordert und wenn die Antwort auf den Fachkräftemangel nicht nur leeres Gejammere sein soll, dann braucht es von unserer Gesellschaft ein klares Bekenntnis, dass berufliche Weiterbildung Zeit und Ressourcen benötigt - und dass die Allgemeinheit und damit der Standort Österreich gut bedient wäre, diese Zukunftsinvestition zu tragen.

Zweitens: Wie bei einer medizinischen Vorsorgeuntersuchung brauchen wir in Österreich das System eines „Qualifizierungschecks“.

Zu diesem Qualifizierungscheck sollen Menschen bereits dann eingeladen, wenn ihre Jobs noch sicher und ihre Skills noch ausreichend scheinen. Das Netzwerk der österreichischen Bildungsberatungsstellen könnte dahin weiterentwickelt werden.

Drittens: Wir brauchen in Österreich dringend konjunkturUNabhängige Angebote und Finanzierungen! Unsere Gesellschaft muss realistische Möglichkeiten für den Einzeln anbieten, sowohl Schulungen als auch den Lebensunterhalt in der dafür nötigen Zeit zu finanzieren – und so antizyklisch und vorausschauend Skills zu erwerben, also nicht erst dann, wenn in einer Konjunkturdelle wieder viele kurzarbeiten oder in Bildungskarenz oder AMS Kurse gehen.

Viertens: Schaffen wir eine „Agentur für Qualifizierung“ und bündeln damit Verantwortlichkeiten, Steuerung, Fördermittel und Programme. Diese Agentur agiert vorausschauend, ist präventiv tätig und orientiert sich an der Entwicklung des Arbeitsmarktes in den kommenden Jahren. Es spricht viel dafür, das AMS mit dieser Aufgabe zu betrauen. Aber dazu braucht es einen klaren politischen Willen, einen deutlichen Auftrag und Budgets für Qualifizierungsangebote, die nicht kurzfristig und konjunkturabhängig (zumeist nach unten) skaliert werden.

Das wäre eine moderne präventive Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, die den Standort zukunftsfit macht und hält und das so wichtige lebenslange Lernen vom Schlagwort zur gelebten Praxis macht.

Dr. Christoph Jungwirth
Vorsitzender der
Berufsvereinigung der ArbeitgeberInnen privater Bildungseinrichtungen (BABE),
Geschäftsführer des BFI OÖ

Quellen/Hinweise:
Allmendinger J.: Gefangen in der Angststarre, ZEITonline 9.9.2017
ibw/AMS: Digital New Skills. Ergebnisbericht. Wien 2019.
Lackinger F.J.: Warum Bildung eine neue Finanzierung braucht. Der Standard 22.7.2019